Vergesst Yoga. Oder Stricken. Der neueste Trend in Sachen Entspannung sind Malbücher für Erwachsene. Was sich nach einem Witz anhört, ist mittlerweile tatsächlich ein Riesenerfolg. Manche der Malbücher erscheinen in Millionenauflagen. Die Ausmalbilder werden als perfektes Anti-Stress-Mittel gepriesen, mit denen man sich den Weg zu Ruhe und Frieden malen soll. Das mag etwas übertrieben klingen, doch wer Kinder hat, weiß: Papier und Stifte helfen gegen Langeweile, bei Chaos und können Tränen trocknen. Im Interview mit JAKO-O erzählt die Illustratorin Julia Kaergel, weshalb Kunst glücklich macht und wie Familien gemeinsam Kunst entdecken können.

Julia Kaergel ist eine der renommiertesten Illustratorinnen im deutschsprachigen Raum. Sie hat bereits mehrere Dutzend Bücher für kleine und große Leser bebildert. Unter anderem hat sie neun Bilderbücher zusammen mit der Regisseurin und Autorin Doris Dörrie entwickelt. In ihrem Atelier in Schleswig-Holstein malt und zeichnet sie für Buchprojekte, Trickfilme und auch Computerspiele. Außerdem veranstaltet sie zahlreiche Workshops und reist sehr gerne. Oft verbindet sie beides: Auf Einladung des Goethe-Instituts hat sie unter anderem schon Kurse in Bangladesh, Indien, Thailand und im Sudan gegeben. In ihren Workshops arbeitet sie mit Künstlern, Lehrern und Studenten und ganz häufig mit Kindern und Jugendlichen.

Liebe Julia , kannst Du beschreiben, was Kunst für Dich so faszinierend macht?

Nur drei von vielen, vielen Büchern aus Julia Kaergels Repertoire: Mit ihren Büchern möchte die Illustratorin Kinder und Eltern dazu animieren, selber kreativ zu werden. Foto: julia-kaergeö-illustration.de

Nur drei von vielen, vielen Büchern aus Julia Kaergels Repertoire: Mit ihren Büchern möchte die Illustratorin Kinder und Eltern dazu animieren, selber kreativ zu werden. Foto: julia-kaergeö-illustration.de

Julia Kaergel: Ich finde es immer sehr spannend, in neue Projekte einzutauchen. Wenn ich eine Geschichte habe, recherchiere ich zunächst und suche nach Material – ich begebe mich auf eine Art Forschungsreise. Es ist ein Versinken, ein Vergessen von Raum und Zeit. Wenn ich beim Arbeiten in den Flow komme, gerate in eine ganz eigene Welt, in der es mir manchmal ganz egal ist, welcher Tag heute ist. Es ist so, als ob man ein Stück Kindheit zurückbekommt. Das macht mich glücklich. Und es natürlich ein großes Glück, dass ich immer wieder mit wunderbaren Menschen zusammenarbeiten kann.

Warum ist Kunst für Kinder so wichtig? Und wie kann man Kunst gemeinsam entdecken?

Kunst ist für Kinder so naheliegend. Kinder haben diese große Fantasie, sie brauchen nicht viele Dinge, um Neues zu entdecken. Um als Familie gemeinsam Kunst zu entdecken, startet man am besten mit einfachen Techniken. Frottage ist zum Beispiel gut – dabei legt man einfach einen Gegenstand unter das Papier, etwa eine Münze oder ein Blatt. Dann reibt man mit dem Stift oder mit Kreide darüber.

Am schönsten ist es, wenn Eltern und Kinder zusammen auf Entdeckungsreise gehen und bekannte Dinge mit neuen Augen sehen. Aus solchen Fundstücken lassen sich Figuren und Landschaften gestalten. Da ist manchmal die ganze Welt drin, man muss nur den Blick für das Besondere entwickeln. Im Sommer können  Familien zum Beispiel bei Wanderungen oder Spaziergängen ein kleines Skizzenbuch und einen Bleistift in die Hosentasche packen und dann ihre Eindrücke aufzeichnen – Blätter, Blüten, die Landschaft…

Du arbeitest nicht nur als Illustratorin, sondern gibst auch regelmäßig Workshops für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Dafür warst Du schon in weit entfernten Ländern wie Indien, China oder Korea. Welche Erfahrungen hast Du dort gemacht?

Kinder-Workshop in Indien: "Es ist wunderbar, wenn ich die Möglichkeit habe, auch in abgelegenen Dörfern in aller Welt für Kinder Workshops geben und so etwas aus ihrem Leben erfahre." Foto: julia-kaergel-illustration.de

Kinder-Workshop in Indien: „Es ist wunderbar, wenn ich die Möglichkeit habe, auch in abgelegenen Dörfern in aller Welt für Kinder Workshops geben und so etwas aus ihrem Leben erfahre.“
Foto: julia-kaergel-illustration.de

Mein bislang exotischster Workshop fand in einem Dorf im Sudan statt. Manche Kinder mussten drei Stunden laufen, um mitmachen zu können. Die meisten von ihnen hatten vorher noch nie Buntstifte oder Wasserfarben gesehen. Trotzdem haben sie sofort losgemalt und -gezeichnet. In solchen Momenten wird einem klar, dass Kunst eine universale Sprache ist. Man braucht keine Worte, um sich zu verstehen. Begegnungen mit Menschen weltweit werden durch Kunst ganz einfach – Kunst überwindet alle Sprachbarrieren und kulturellen Grenzen. Auch das macht mich sehr glücklich.

Falls Ihr Julia Kaergels Bilder nicht nur in Büchern, sondern auch mal live erleben möchtet: Noch bis Anfang September gibt es in Dersau am Plöner See die Ausstellung „Bildwelten“ zu sehen. Alle Infos dazu sowie mehr zu Julia Kaergel und ihren Projekten findet Ihr auf ihrer Webseite.

Alle Fotos: julia-kaergel-illustration