Ein Vollzeitjob als Projektingenieurin, zwei Kinder, Ehemann, ein aktives Familienleben und Zeit für die Musik: Das klingt nach perfektem Zeitmanagement, cooler Lebensplanung und nach Stressresistenz. Doch in Anja Seitz’ Leben stellte gerade das Ungeplante die wichtigen Weichen: Ein Autounfall kostete sie eine Stelle, Sohn Tim kam während des Studiums zur Welt. Und eine Karriere im Maschinenbau hatte sie zunächst nicht im Auge.


Anja ist Ingenieurin. Und Mutter. Außerdem Ehefrau und begeisterte Hobby-Musikerin. Doch alles passierte bei ihr ohne vorherigen Masterplan. Denn erst als sie schon fertige Industriekauffrau ist, entdeckt sie ihre Leidenschaft für Technik. Ihr Arbeitgeber unterstützt sie: Mit einem Werksstudentenvertrag beginnt sie Maschinenbau zu studieren. Daneben arbeitet sie flexibel weiterhin bei ihrem Arbeitgeber. Dann wird Anja ungeplant schwanger. In Vorlesungen nimmt sie Tim gelegentlich mit. „Manchen Professoren war es egal, andere fanden es nicht so gut“, berichtet sie. Wenn sie an FH-Veranstaltungen nicht teilnehmen kann, besorgt sie sich von den Kommilitonen Unterlagen und lernt zuhause. „Zum Glück war es kein Problem, eine Kinderkrippe zu finden. Und auch meine Schwiegermutter hat mir bei der Kinderbetreuung viel geholfen“, sagt sie.

Mit dem Diplom in der Tasche kehrt sie als Maschinenbau-Ingenieurin in ihre alte Abteilung zurück. Seitdem entwickelt sie Druckluftstationen und immer energiesparendere Anlagen. 2006 kommt Tims Schwester Lena zur Welt. Nach einer einjährigen Elternzeit beginnt Anja wieder zu arbeiten: „Mir macht mein Job großen Spaß und wir hatten damals gerade mit dem Hausbau angefangen, so dass es auch finanzielle Gründe gab.“  Auch die Sorge, im Job den Anschluss zu verlieren, spricht gegen eine längere Unterbrechung: „Ich habe Spaß daran, immer dabei zu sein. Es ändert sich vieles so schnell“, sagt sie. Natürlich müsse auch der Arbeitgeber mitspielen, damit Eltern Beruf und Familie vereinbaren können. Sie sei froh über familienfreundliche Regelungen wie zum Beispiel flexible Arbeitszeiten. Sie wusste, dass ihre Kinder in Krippe und Kindergarten gut aufgehoben sind: „Sie hatten eine tolle Zeit und es war die richtige Entscheidung, sie dort betreuen zu lassen“, sagt sie rückblickend.  „Obwohl ich nicht so viel Zeit mit ihnen verbringen kann wie eine Vollzeit-Mutter, würde mir ohne Kinder vieles entgehen“, sagt Anja.

Wichtig ist für die 38-Jährige und ihren Mann nicht, viel Zeit mit den Kindern zu verbringen, sondern sinnvoll genutzte Zeit. „Wir planen bewusst gemeinsame Unternehmungen, pflegen tägliche Rituale wie das Zubettbringen oder Spielen. Außerdem haben wir einen Kinderbestimmertag eingeführt, an dem der Nachwuchs das Sagen hat“, so die zweifache Mutter. Ab und zu erklingt bei ihnen zuhause außerdem Hausmusik. Die 38-Jährige spielt leidenschaftlich gerne klassische Gitarre – nicht nur zuhause, sondern gelegentlich auch öffentlich.

_MG_1124b1Um junge Frauen mit dem „Ingenieurinnen-Virus“ anzustecken, engagiert sich Anja beim „Forscherinnen- Camp“. In dieser Aktion des Bildungswerkes der Bayerischen Wirtschaft in Kooperation mit Unternehmen und Hochschulen arbeiten zwölf Schülerinnen zwischen 15 und 17 Jahren in einem Betrieb an einem eigenen Projekt. Dabei lernen sie nicht nur technische Berufe kennen, sondern erfahren bei Anja auch, dass vieles geht: Engagement und Freude am Beruf leben, sich als Frau in einer Männerdomäne wohlfühlen, ganz selbstverständlich Mutter sein und mit Leidenschaft einem Hobby nachgehen.