Für mich zeigte sich das Glück vor Kurzem in Form eines Maikäfers. Ich habe in der letzten wirbelwind-Ausgabe den Bericht „Wenn das Glück ausbleibt“ über die Wochenbettdepression mit Tränen in den Augen gelesen. Ich verstand so gut, was die Autorin beschrieb. Bei mir war es keine Wochenbettdepression. Dafür hatte ich keine Zeit. Die Firma, in der mein Mann arbeitete, ging pleite als ich im 7. Monat schwanger war – vier Monate nachdem wir ein Haus gekauft hatten. Es gab nicht die Frage, wer in Elternzeit geht. Ich war erleichtert – mein Mann ist kreativ und chaotisch und liebevoll, ich bin organisiert und strukturiert. Ich war mir sicher, er war die bessere Wahl für unser Kind.

 

Trotzdem wollte ich so viel Zeit wie möglich mit meinem Kind verbringen und meinen Mann so gut es geht entlasten, denn er hatte meiner Meinung nach den „schwereren Job“. Trotzdem wollte ich stillen. Trotzdem musste ich 50 Std./Woche arbeiten. Dank zum Teil flexibler Arbeitszeiten habe ich davon einige Stunden nachts gearbeitet, um nachmittags bei meiner Familie sein zu können – und hatte stets ein schlechtes Gewissen (weil ich das Gefühl hatte, Mann und Kind warten zu Hause auf mich, weil ich das Gefühl hatte, nicht gut genug zu arbeiteten
). Hinzu kam der Schlafmangel: nachts stillen, nachts arbeiten, morgens fit für die Arbeit sein. 

Nach einem Jahr ging es mir psychisch und physisch immer schlechter. Ich hatte einen Bandscheibenvorfall und Spannungskopfschmerzen. Ich verkroch mich so oft es ging, ich igelte mich ein, ich war so froh, wenn ich alleine war, ich konnte die Nähe zu meinem Kind kaum noch ertragen und hörte darum auch auf zu stillen. Nach eineinhalb Jahren kam der Weckruf, den ich bis dahin so deutlich ignoriert hatte: Fehlgeburt. Nicht die Fehlgeburt lies mich dann endgültig in ein schwarzes Loch fallen, sondern die damit verbundene Krankschreibung. Ich musste nicht mehr hoch – ich wollte nur noch liegen und nicht angesprochen werden. 

Zum Glück war mein Mann immer noch in Elternzeit. Es war nicht einfach für ihn. Wir passen so gut zusammen, weil wir uns so gut ergänzen, weil wir so unterschiedlich sind. Das haben wir beide immer geliebt. Jetzt sollte er meinen Part übernehmen? Er war überfordert. Überfordert mit meiner Depression, überfordert mit den Aufgaben, die das an ihn stellte. Aber er war da. Für unseren Sohn. Und für mich. Er lies mich reden, wenn ich reden wollte, und hielt mich im Arm, wenn ich weinte. Egal was ich ausprobieren wollte, damit es besser wurde, er unterstützte mich. Und das war nicht leicht, denn kein Arzt diagnostizierte eine Depression, die Ärtze kümmerten sich nur um die Symptome. 

Irgendwann, nach einem Jahr voller grau und Schmerzen, wie es mir heute vorkommt, ging es besser. Ich war wieder schwanger. Mein Mann bestand darauf, dass ich diesmal in Elternzeit gehen würde. Wir wussten nicht, wie wir das finanziell schaffen sollten, aber wir wussten beide, dass es wichtig war. Ich hatte das Gefühl, immer noch gegen einen Strom zu schwimmen. Meine Frauenärztin stufte meine Schwangerschaft als Risikoschwangerschaft ein und schrieb mich aufgrund dessen berufsunfähig. Ich fuhr auf den Rat einer Freundin hin in Kur – Spezialgebiet: Stress bei Müttern. Leider wenig hilfreich. Legen Sie den Perfektionismus ab (welchen Perfektionsimus? Mein Hausputz besteht aus Allzwecktüchern an diversen Stellen und einer Putzhilfe alle zwei Wochen) und lernen Sie, Ihr Kind mal abzugeben (ähm – ja).

Und dann platzte irgendwann der Knoten. Der Sog des Stroms schien nachzulassen. Ich wollte mich nicht mehr nur darauf konzentrieren, krank zu sein. Ich fing an, mich zu freuen, wenn ich es schaffte, eine halbe Stunde mit unserem Sohn Duplo zu spielen, ohne auf die Uhr zu schauen. Ich war nicht mehr nur müde. Mein Mann fand einen guten, neuen Job. Meiner Elternzeit stand nichts mehr im Wege. Ich schaffte jeden Tag eine Kleinigkeit zu Hause. Mal eine Waschmaschine angestellt, mal was Schönes frisch gekocht – und ich schaffte es, mich darüber zu freuen. Und es wurde mehr, was ich wieder schaffte.

In dieser Woche war ich mit unserem Sohn in der Bank. Im Vorraum lag ein Maikäfer auf dem Rücken auf der Fußmatte. Ich kniete mich daneben und zeigte ihn unserem Sohn. Wir halfen ihm nach draußen und beobachteten ganz in Ruhe, wie er sich aufrappelte und davon flog. „Der Käfer fliegt jetzt nach Hause“, erklärte ich dem Kleinen. Wir kamen zu spät zur nächsten Verabredung. Es war mir egal. Abends erzählte er seinem Vater begeistert, dass der „Käfer nach Hause“ geflogen sei. Wir lachten und freuten uns mit ihm – und auf einmal wurde es mir klar, es traf mich wie eine Bombe: Das Schlimmste ist vorbei. Ich bin vielleicht noch nicht wieder gesund, aber das Glück ist wieder da. 

Danke Maikäfer!

 

Bettina